Die brasilianische Arbeitsstaatsanwaltschaft hat Klage gegen den chinesischen Elektroautohersteller BYD und zwei Subunternehmen eingereicht. Der Vorwurf: Menschenhandel und Arbeitsbedingungen, die nach brasilianischem Recht als „sklavenähnlich“ gelten.
Die Klage wurde im Bundesstaat Bahia erhoben, wo BYD aktuell eine Produktionsstätte errichtet. Die Fabrik sollte ab März 2025 in der Stadt Camaçari in Betrieb gehen – es wäre BYDs erstes Werk für Elektrofahrzeuge außerhalb Asiens.
220 Arbeiter unter unwürdigen Bedingungen untergebracht
Laut Angaben der Arbeitsbehörde MPT wurden 220 chinesische Arbeiter befreit, nachdem eine anonyme Beschwerde eine Untersuchung ausgelöst hatte. Bei Kontrollen entdeckten die Behörden katastrophale Lebensbedingungen: Mehrere Menschen mussten sich ein einziges WC teilen, manche schliefen auf Betten ohne Matratzen. Die Unterkünfte wiesen kaum hygienische Standards auf.
Zusätzlich sollen den Beschäftigten ihre Pässe abgenommen worden sein. Sie standen demnach unter Verträgen mit unrechtmäßigen Klauseln, hatten keine wöchentlichen Ruhezeiten und arbeiteten unter teils auslaugenden Bedingungen. Bis zu 70 Prozent ihrer Löhne sollen zurückgehalten worden sein – die Kündigung war laut Staatsanwaltschaft mit hohen Strafzahlungen verbunden.
Nach brasilianischem Recht zählen Schuldknechtschaft, Arbeitsverträge mit Zwangscharakter sowie die Missachtung der Menschenwürde zur Definition „sklavenähnlicher Arbeitsverhältnisse“.
Schadensersatz in Millionenhöhe gefordert
Die Behörden fordern umgerechnet rund 45,5 Millionen US-Dollar (etwa 257 Millionen Reais) an Schadensersatz. Der Bau der Fabrik wurde bereits Ende 2024 gestoppt, nachdem erste Hinweise auf Missstände publik wurden.
BYD hat sich bislang nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert. Das Unternehmen hatte jedoch in früheren Erklärungen betont, man verfolge eine „Null-Toleranz-Politik gegenüber Menschenrechtsverletzungen“.
BYD in der Kritik – trotz internationalem Wachstum
BYD (Build Your Dreams) ist einer der größten Elektrofahrzeughersteller der Welt. Im April 2025 überholte der Konzern in Europa erstmals Tesla beim Absatz. Brasilien gilt dabei als Schlüsselmarkt für BYD: Bereits seit 2015 betreibt das Unternehmen ein Werk in São Paulo zur Fertigung von Elektrobus-Fahrgestellen.
Mit der neuen Produktionsstätte in Camaçari wollte der Konzern seine Präsenz in Südamerika massiv ausbauen. Der Rechtsstreit und die damit verbundenen Vorwürfe könnten dieses Vorhaben nun erheblich verzögern.
Hintergrund: Was bedeutet „sklavenähnlich“ nach brasilianischem Recht?
Anders als in vielen anderen Ländern schließt die brasilianische Gesetzgebung nicht nur Zwangsarbeit ein, sondern auch unzumutbare Arbeits- und Lebensbedingungen, überlange Arbeitszeiten ohne Erholung sowie Lohnrückhalt und Schuldknechtschaft.
