„Europa muss den Gründergeist halten“ – Interview mit Start-up-Unternehmerin Vivien Wieder

Frage: Frau Wieder, die EU-Kommission hat heute eine neue Strategie präsentiert, um Start-ups und wachstumsstarke Unternehmen in Europa zu halten. Wie bewerten Sie das als Unternehmerin aus dem Start-up-Bereich?

Vivien Wieder: Ich begrüße die Initiative sehr. Für uns Gründerinnen und Gründer zählt nicht nur die Idee, sondern auch das Umfeld, in dem wir wachsen können. Viele europäische Start-ups haben großartige Technologien, aber die Skalierung scheitert oft an zu viel Bürokratie, fehlender Finanzierung und zersplitterten Märkten. Dass die EU das erkannt hat, ist ein wichtiges Signal.

Frage: Die Kommission spricht davon, dass rund 30 % der europäischen Unicorns in den letzten 15 Jahren ins Ausland abgewandert sind – viele in die USA. Warum ist das so?

Wieder: Ganz ehrlich: Weil es dort einfacher ist. In den USA gibt es mehr Wagniskapital, schnellere Entscheidungen, eine mutigere Fehlerkultur. In Europa ist man oft noch zu vorsichtig – dabei brauchen Innovationen genau das Gegenteil: Geschwindigkeit, Kapital und Vertrauen. Es ist also kein Wunder, dass Gründer irgendwann sagen: Ich gehe dorthin, wo ich wachsen darf.

Frage: Sehen Sie in der neuen Strategie echte Verbesserungen?

Wieder: Es kommt auf die Umsetzung an. Aber ja, der Fokus auf vereinfachte Vorschriften, digitale Verwaltungswege, besseren Zugang zu Fachkräften und Investitionen ist genau richtig. Gerade das Thema Fachkräfte ist für viele von uns kritisch. Wir finden Ideen, aber oft nicht genug Menschen, die sie mit uns umsetzen können – oder verlieren sie an besser zahlende Märkte.

Frage: Die EU sieht in Start-ups eine strategische Komponente, besonders in Bereichen wie KI, Biotech oder Halbleiter. Wie erleben Sie das aus der Praxis?

Wieder: Absolut. Wer in solchen Schlüsselbereichen heute gründet, baut nicht nur ein Unternehmen auf – er formt mit, wie Europa in Zukunft aussieht. Deshalb muss man diese Unternehmen halten und stärken. Und dafür reicht es nicht, sie zu loben – man muss ihnen auch den Raum geben, um mutig zu sein. Wenn wir die Talente ausbilden, aber dann ins Ausland ziehen lassen, verlieren wir doppelt.

Frage: Und was müsste aus Ihrer Sicht am dringendsten passieren?

Wieder: Mut zur Vereinfachung. Schnellere Verfahren, weniger Papierkram, mehr Zugang zu Kapital auch für Gründerinnen – und ein echtes Bekenntnis zur europäischen Gründerkultur. Wenn wir das schaffen, dann wird aus dieser Strategie mehr als ein politisches Papier. Dann bleibt der Gründergeist da, wo er hingehört: in Europa.


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